Horse-Race-Journalismus und eine kommende Bundestagswahl

Politainment! Der Versuch Politik und Politiker zu interessanten Persönlichkeiten zu stilisieren und Konflikte zwischen den Personen aufzuzeigen. Zu einen der wichtigsten Instrumente der Politik-Unterhaltung gehören aktuelle Umfragen. Sie bieten Zahlen die im Modus eines sportlichen Wettstreits interpretiert werden können. Am spannendsten sind Kopf-an-Kopf Rennen zwischen zwei Kandidaten. Dadurch lassen sich leicht Charaktere gegenüberstellen und ableiten, welche Eigenschaften bei den Wählern gut ankommen und welche nicht. Denn sobald eine politische Handlung angekündigt oder durchgeführt wurde, erscheint auch schon ein Umfrage Ergebnis auf dem Bildschirm um den positiven oder (noch viel lieber) negativen Effekt auf die Umfragewerte zu visualisieren. In einem 9-minütigen Al-Jazeera Bericht aus dem Januar 2016 wurde auf die journalistische Ungenauigkeit und Irrelevanz von Umfragewerten während des US-Wahlkampfes hingewiesen.

Wie in dem Bericht aufgezeigt wird, wurden Nachrichten nach den aktuellen Umfragewerten priorisiert. Ein Kandidat wie Donald Trump, der hohe Werte genossen hat, bekam dadurch noch mehr Aufmerksamkeit. Schätzungen besagen, dass diese umfragebasierte Berichterstattung in Wahlkampfwerbung oder „Free-Press“ bereits im Februar 2016 einen Wert von ca. 2 Milliarden US-Dollar bezifferten  Die hohe Quote der Berichterstattung lag und liegt auch in Trumps Strategie Schlagzeilen zu provozieren. Auf den Trick durch provokante Aussagen Aufmerksamkeit zu erzielen fallen Medienkonzerne nur allzu gerne und absolut Bewusst herein. Denn was besitzt in der heutigen Zeit und im kommerziellen Journalismus seit jeher einen höheren Wert als Aufmerksamkeit?

Auch deutsche Politiker und Parteien nutzen kleine Skandale, persönliche Angriffe und polarisierende Aussagen um Relevanz im Nachrichtenzyklus zu erzeugen. Die AFD und CSU genießen dadurch bereits einen gesonderten Status in Fragen der Integrationspolitik. Diese Strategie soll in einem zukünftigen Beitrag näher erläutert werden. Nun interessiert zunächst, was Horse-Race-Journalismus bei der anstehenden Bundestagswahl bewirken könnte.

Die Bundestagswahl und ihre Zahlen

Sobald die Kanzlerkandidaten der traditionellen Volksparteien feststehen ist die Wahlkampfsaison eröffnet. Mit der Nominierung von Martin Schulz als SPD Kanzlerkandidat wurde eine Umfragewelle durch alle Nachrichtenkanäle gespült (siehe Titelbild-Collage). Es lohnt sich ab sofort ganz besonders beim Erscheinen der nächsten Umfrage einfach wegzuschauen, stummzuschalten oder ein neues Tab-Fenster zu öffnen. Denn die Werte sind 1. nicht korrekt, 2. nicht relevant (außer für Politiker und Medien) und 3. bieten Umfragen keine Grundlage für die Wähler eine tatsächliche Wahl zu treffen.

Zu Punkt eins war die US-Wahl 2016 ein deutliches Beispiel dafür, wie sehr Umfrageinstitute sich irren können. Repräsentative Umfragen werden immer schwieriger durchzuführen sein, da bestimmte Wählerstämme nicht bereit sind ihre Meinung öffentlich kund zu tun (Anders als anonym bis halbanonym im Internet). Das Phänomen der Schweigespirale wurde bereits in den 1970er Jahren durch die Medienwissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann formuliert. Ihre Theorie besagt, dass die Bereitschaft sich öffentlich zu bekennen für viele Menschen vom Meinungsklima abhängig gemacht wird. Dieses Klima war durch einen Medienkonsens gegen Trump gerichtet, hat aber dazu geführt einen Großteil der Wählerschaft aus den Diskurs zu nehmen, da die Umfragewerte dieses journalistisch fehlgeleitete Verhalten legitimiert hat.

Zweitens sollten sich Journalisten fragen welche Relevanz ein Umfragewert im Februar 2017 für eine Wahl im September besitzt. Oftmals dient es als Einleitung um über eine bestimmte Partei zu berichten (besonders gern die AFD). Dabei zeigt sich immer wieder, wie inhaltsleer der Kennwert der Sonntagsfrage ist. Natürlich wissen befragte Personen, dass ihre Antwort an ein Meinungsforschungsinstitut keine Auswirkungen hat. Allerdings kennen sie vielleicht die Macht der Umfragewerte und nennen dann eher eine reaktionäre Partei wie die AFD. Zudem begehen moderne Politiker gerne den Fehler sich zu sehr nach Umfragewerten zu richten. Die Bundeskanzlerin hat keine Standpunkte, steht aber in großer Abhängigkeit zum politischen Klima. Die plötzlich eingeleitete Energiewende war ein Beispiel dafür. Ihr letzter und erfolgreichster Wahlkampf 2013 beinhaltete keine politische Forderungen, sondern nur eine Imagekampagne. Die Gefahr besteht, dass Martin Schulz eine ähnliche Strategie verfolgen wird und aus Angst vor Umfragen auch keine inhaltlichen Prorammpunkte definieren möchte. Doch durch ein steigendes Misstrauen an die Medien und eine laute außerparlamentarische Opposition könnte diese Strategie für SPD und CDU fehlgeleitet sein. Ein inhaltlicher Wahlkampf ist nicht nur mein persönlicher Wunsch, sondern auch die korrekte Antwort auf populistische Lager die eine aggressive Wahlkampfstrategie durch Diffamierung der Gegner verfolgen werden.

Zum letzten Punkt sollte der Politik wie den Journalisten bewusst werden, dass die meisten politikinteressierten Menschen ihre Wahl bereits getroffen haben und nur durch gute Argumente, ihren persönliche Lebenswelt betreffend, angesprochen und umgestimmt werden können. Die andere große Menge an Unentschlossenen und potentiellen Nichtwählern wird nicht durch billige Wahlkampfrhetorik und Worthülsen überzeugt werden. Der Anteil der Nichtwähler betrug bei der Bundestagswahl 2013 28,5% . Sie werden für populistische Parteien wie die AFD empfänglicher sein, da diese den Protest gegen das Etablissement in Berlin versprechen. Diese sozialen Gruppen müssen durch den persönlichen Wahlkampf vor Ort und die konkrete Ansprache abgeholt werden. Ein Potential, dass besonders die SPD in den letzten Wahlkämpfen konsequent hat verstreichen lassen. Stattdessen wurde nach Sonntagsfrage Wahlkampf betrieben und alle Wählerschichten mit unklaren Vorstellungen an die Urne geschickt.

Wie wäre wohl ein Wahlkampf, der die zwangsgestörte Veröffentlichung von Umfragewerten auf ein repräsentatives Ergebnis pro Monat reduzieren würde? Worüber würden die Hauptstadt-Korrespondenten und bundesweiten Redaktionen alles berichten können? Es wäre schockierend wie viel Raum für tatsächlichen Inhalt dann geboten wäre. Bis dahin wünsche ich meinen Lesern viel Erfolg bei dem Zick-Zack Lauf um die Horse-Race-Berichterstattungen herum.

 

Ps.: Ein Podcast der sich gerne mit dem Phänomen Horse-Race und anderen Untugenden der täglichen TV-Nachrichtenwelt auseinandersetzt, ist der sehr unterhaltsame Aufwachen Podcast .

Advertisements

Was sagen sie dazu, Jay-Z?

Die weltpolitische Lage hatte schon stets instabile Momente. Kriegerische Auseinandersetzungen, wirtschaftliche Krisen, soziale Konflikte oder Umweltkatastrophen sind keine Neuheiten. Doch sie scheinen in der in diesem Moment allgegenwärtig und, was noch schlimmer ist, unlösbar. Wer hat den Marshall Plan für eine Befriedung des Nahen Ostens und Eindämmung des Terrors? Wie verhindern wir die nächste Finanzkrise und den Schwund der Mittelklasse? Wie begegnet eine Gesellschaft dem systemischen Rassismus und Sexismus? Was tun gegen den Klimawandel? Dazu kommt die Flut an Nachrichten die unseren Eindruck der Last an Problemen weiter verstärkt. Die Informationsmasse wird zudem weiter zunehmen. Doch was sich verändern kann ist die Qualität der Nachrichten. Und die liegt nicht nur bei den Medienhäusern und ihrer teilenden Community, sie liegt auch an den Informationsquellen. Und jetzt kommt eine gute Nachricht: Es gibt Lösungswege zu all den genannten Problemen. Nicht nur einen, sondern viele die es zu besprechen lohnt (aber bitte nicht alle auf einmal!). Wir hören diese leider viel seltener als es angebracht wäre. Denn wer sind heutzutage die Meinungsbilder, die Experten und die geladenen Gäste in Talkshows? Viele verschiedene Menschen. Doch ich möchte eine Gruppe aus dem Medienkanon ausschließen und zwar ausschließlich aufgrund ihrer Qualifikation: Prominente!

Prominente werden liebend gerne zu ihrer Meinung befragt. In den USA vornehmlich Sänger und Schauspieler. Bekannte Gesichter, die uns wahrscheinlich sympathisch sind, dürfen die Komplexität der Weltpolitik in markanten Worten umschreiben. Das kann mitreißend wirken, es kann den Fokus auf eine Problematik verstärken, es kann aber auch zu mehr Differenzen in der Bevölkerung führen.
Im Sommer 2015, als die sogenannte erste „Flüchtlingswelle“ als Folge des Syrien Krieges nach Europa kam fand eine solche Trennung der Bevölkerung statt. Anja Reschke forderte in ihrem Tagesthemen Kommentar einen Aufstand der Aufrichtigen gegen Rechte Hetze im Internet und die negative Stimmungsmache gegen Flüchtlinge. Die Intention dieses Kommentares empfand ich richtig, doch die Umsetzung stelle sich als völlig fehlgeleitet heraus. Totales Kontra im Internet führt zu einer Anstachelung einer bereits unproduktiven Diskussion. Im selben Moment nehmen stark kommentierte Beiträge eine höhere Priorität in der Timeline an, was den Eindruck erweckt Hasskommentare seien allgegenwärtig. Somit wurden destruktive politische Diskussionen späürbarer als sie es vorher waren. Die beiden Lager (die es vorher nicht so stark akzentuiert gab) haben sich weiter voneinander entfernt, die Antipathie wurde angestachelt. In diesem sozialpolitisch aufgeladenen Sommer haben auch viele Prominente Stellungen bezogen. Ein Beispiel dazu waren die Moderatoren und Entertainer Joko und Klaas. Die beiden sagen zum Anfang des Clips interessanterweise, dass sie keine thematischen Qualifikationen vorzuweisen haben, aber durch die Masse ihres Publikums fühlten sie sich genötigt etwas gegen Internet Hasskommentierer sagen zu müssen. Also tun sie genau das, indem sie diese beleidigen und fordern von ihnen „entfolgt“ zu werden. Eine große Mehrheit der Fans und Interessierten, die dieses virale Video in ihrer Filter Bubble sehen konnten, fanden das Statement der beiden gut. Eine Minderheit war natürlich dagegen, willkommen in der politischen Internetkultur, und tat genau das gewünschte: Sie entfolgte den Entertainern, aber nicht ohne Häme und Protest zurück zu lassen.

Mein Sorge um die kommentierfreudigen Prominenten bezieht sich nicht auf ihren Wunsch sich zu äußern, denn das ist ihr Grundrecht so wie eines jeden interessierten Diskussionsteilnehmers. Mich stört das sie zu gut sind in ihrer emotionalen Ansprache, zu viele Menschen mitreißen in ihrem Stakkato der Unzufriedenheit. Und sie bringen auch diejenigen, die sich tatsächlich angesprochen fühlen gegen sich auf. Sie sind die Mediatoren der Gegenseite, die es vorher vielleicht gar nicht gab. Warum brauchen wir Gegenseiten in einer Gesellschaft? Ich behaupte eine der Hauptargumente für eine Abgrenzung von politischen Gruppierungen ist die positive Rückmeldung der Gleichgesinnten. Dies funktioniert gegen Flüchtlinge, genauso wie gegen Gegner von Flüchtlingen sowie gegen die Gegner von Gegnern der Flüchtlingsgegner… (ich glaube zu der letzten Gruppe zähle dann ich, das ist dann wohl Abgrenzung in der zweiten Potenz?!). Schließlich wurde der Konflikt angestachelt, Grenzen wurden gezogen und erst dann stellt ein guter Journalist die Frage, warum eigentlich Till Schweiger zur Flüchtlingskrise um ein Statement gebeten wurde. Die Antwort ist zu einfach: Promis bringen Quote. Dave Chapelle brachte in einem Comedy Bit dieses Phänomen treffend auf den Punkt.

Hören wir den Menschen zu, die wirklich eine Stimme haben. Fordern wir auch eine Meinung von denen ab, die eine Stimme haben sollten, nämlich Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft. Denn Politiker verstecken sich gerne hinter den Künstlern und ihren schönen Sätzen um selber keine Meinung abgeben zu müssen. Hillary Clinton war in ihrem erfolglosen Wahlkampf sehr versiert darin Zitate abzufeuern ohne genau zu erklären welche politischen Handlungen sie persönlich daraus ableitet. Sie hätte stattdessen klarer kommunizieren müssen wofür sie steht. Stattdessen hört der amerikanische Wähler was Jay-Z für politische Vorstellungen hat und das er Clinton unterstützt. Daraus sollen die Menschen einen politischen Standpunkt der Politikerin ableiten? Nein sollten sie nicht! Die meisten tun dies auch nicht und sind deshalb verunsichert was die Menschen in Machtpositionen eigentlich möchten. Dass die gesamte Hollywood Szene auf Seiten von Clinton war, schien die Wählerschaft nicht interessiert zu haben. Vielleicht erzeugte es sogar eine stärkere Aversion gegenüber Clinton, zumindest auf Seiten der großen Masse an Wählern, die Clinton misstrauisch gegenüber standen. Nach der Wahl wurde zumindest deutlich, dass die gesamte A-Promi Liga Amerikas nicht in der Lage ist eine Präsidentenwahl zu entscheiden.

Mich interessiert die Meinung eines Experten zum entsprechenden Thema, nicht die emotionale Ausschlachtung einer unqualifizierten Person des öffentlichen Lebens, die gerade das Rampenlicht zu Marketingzwecken gebrauchen kann. Das ist eine zynische Unterstellung, aber in einigen Fällen wahr. In anderen Fällen rate ich Künstlern folgendes: Eure Kunst ist eure Stimme! Nutzt diese um alles zum Ausdruck zu bringen was euch auf dem Herzen liegt. Und dann lasst die Intellektuellen die Probleme der Welt diskutieren, hört ihnen zu und macht neue Kunst daraus. So finden die politisch Interessierten die Zeit sich anhand qualifizierter Standpunkte eine Meinung zu bilden und können Eure Kunst wahrnehmen die ihnen Denkanstöße gibt. Und so kommen wir schlussendlich in einen positiven Teufelskreis, in denen ein Thema an Wichtigkeit gewinnt, aber nicht an Inhalt verliert.

Unfaire Kritik für einen guten Zweck?

Am 20.1.2017 ist Donald Trump als Präsident vereidigt worden. Dies ist nun eine Woche her. Seine Handlungen werden äußerst kritisch von der deutschen wie internationalen Presse begutachtet. Ich möchte mich mit der Art der Kritik auseinandersetzen die in den breiten Medien vermehrt zum Tragen kommt. Eines vorneweg: Eine konstruktive mediale Bewertung der Handlungen politischer Akteure, einschließlich des US-Präsidenten, ist wichtig. Ich wünsche mir eine kritische Haltung gegenüber allen politischen Machthabern. Damit diese Kritik bei den Lesern, Bürger und Betroffenen eine Wirkung erzielt, die in einen fortlaufenden politischen Diskurs umgesetzt werden kann, muss sich jedoch die Art der Kritik maßgeblich ändern.

Medienmaschine Trump

Der neue Präsident hat hohen Aufmerksamkeitswert, auch wenn die Berichte über ihn oftmals banal sind. Aus Sicht von Nachrichtenmedien, insbesondere Online-Medien die ihre Klickzahlen hoch halten müssen, ist der Name Trump somit ein Garant für stabile Werbeeinahmen. Haben Sie das Gefühl, am Ende eines Trump Artikels etwas neues über die Person gelernt zu haben oder eine Ahnung der politischen Absichten des amerikanischen Präsidenten zu bekommen? Oder haben die Schlussfolgerungen der Autoren zumeist eine Horoskop Rhetorik zu bieten? Klicken sie den nächsten Artikel, der aus Konjunktiven besteht einfach weg. Der Autor wird hier nur aus einer Kurznachricht eine umschweifende Ableitung ziehen. Besitzt der Artikel allerdings einen längeren Umfang, eine Fragestellung zu Beginn die Ihnen neu ist oder Beleuchtet politische Aktion mehr als die Person Trump, dann lohnt sich das Lesen schon eher.

Person vor Policy

Die personalisierte Analyse hat Vorrang vor jeglicher sachlichen Bewertung der konkreten Politik. Wie schon im Wahlkampf geht die Interpretation der politischen Handlungen nicht über die Person Trump hinaus. Das Framing zu Trump ist einfach. Er ist Narzisst, Sexist, Rassist. In seiner Rhetorik ein radikaler Populist. Daraus lassen sich alle gesellschaftlichen Forderungen seiner Politik ableiten. Beispiele dieser wiederkehrenden narrative sind: Er erträgt keine Kritik denn er ist Narzisst. Er unterstützt die Abtreibung nicht, denn er ist Sexist. Er möchte eine Mauer an der Südgrenze der USA bauen, denn er ist Rassist. Doch was fangen wir nun mit diesen Schlussfolgerungen an? Das ein Psychopath an der Macht ist? Ja, wahrscheinlich ist Trumps Charakter nicht geeignet für das Amt. Nach dieser Erkenntnis habe ich eine Bitte: Nachdem uns der schlechte Charakter Trumps 1 ½ Jahre in den Kopf geprügelt wurde, können wir bitte über die tatsächlichen Handlungen sprechen ohne ein Psychogram durch einen politischen Korrespondenten zu erhalten?

Das noch hunderte weitere Faktoren in die Entscheidungsspielräume eines amerikanischen Präsidenten einfließen scheint nicht mehr relevant. Doch genau diese Relevanz müssen uns die Journalisten bieten! Sollten die nächsten vier Jahre aus der reinen Personalisierung von politischer Handlung bestehen, bleibt dem rationalen Geist kein Platz mehr in der politischen Berichterstattung. Dann ist das Politik Ressort endgültig Boulevard und eine politische Wahl kann auch in einer Casting Show abgehalten oder durch die Like Anzahl unter einem YouTube Video bestimmt werden.

Das Risiko der Anti-Trump-Strategie

Die Medien, die sich als wahre Opposition gegen Trump verstehen, werden durch ihre unfaire Kritik ihre eigene Glaubwürdigkeit sowie die Glaubwürdigkeit in die Demokratie weiter untergraben. Denn wie können wir Bürger der Demokratie vertrauen wenn ein geistig kranker Mensch das höchste Amt einer der ältesten Demokratien der Neuzeit besetzt? Wie können wir den Medien vertrauen wenn diese offensichtliche Fehleberichte, schlecht recherchierte Kurzbeiträge oder einfach irrelevante Nachrichten veröffentlichen und diese Arbeit danach mit ihrer Berufung zu dem höheren Ziel ihrer selbst ernannten Rolle als Opposition vertreten? Wir brauchen keine Opposition die ihr Geld mit dem geschriebenen und gesprochenen Wort über ihre eigene Agenda verdient. Wir brauchen eine Medienlandschaft die dem Ideal der Objektivität zu entsprechen versucht. Die Opposition wird sich bilden, wenn diese eine ebenso faire und in Quantität der Bewegung angemessene Repräsentation in den Nachrichten erfährt. Und ja die Opposition in den USA und international sollte stark sein. Die konstruktive Kritik gegenüber vorherigen Machthabern der USA hatte ebenfalls ihre Berechtigung.

Eine kritische Betrachtung der Nachrichten, Posts und Beiträge bleibt unerlässlich. Ein qualitativer Mindeststandart des Journalismus in Deutschland und der westlichen Welt darf nicht aufgegeben werden. Nicht zugunsten guter Quote und dieser sinnlosen Geschichte der kleinen Medien gegen den großen Führer der USA.

Eine Wahl der politischen Ausgrenzung

Vor zwei Tagen wurde Donald Trump der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Sozialen Medien sowie der professionelle Journalismus in Deutschland überbieten sich mit Häme, Schock und Weltuntergangsprognosen. Dies ist zumindest in meiner Filter Bubble der Fall, welche bereits bezeichnend ist für den mangelnden Austausch zwischen politischen Oppositionen. Aber abgesehen von der medialen Abgrenzung ist der politische Diskurs, hier in Deutschland wie in Amerika, zu einem anti-konstruktiven Austausch an Beschuldigungen und Verleumdungen geworden. Anders formuliert haben die Kommentare, die am meisten Schaden beim Gegner anrichten den größten politischen Nutzen für die eigene Position erlangt. ‚Anti-konstruktiv‘ scheint die gegenwärtige Strategie zur Vermittlung politischer Werte zu sein.

Argument variante 1: Schau nur wie falsch die Anderen liegen, meine Lösung ist daher die einzig richtige!

Diese rhetorische Taktik, beruhend auf logischer Inkonsequenz und wird ‚ad hominem‘ bezeichnet. (Zwei Links dazu und zu vielen anderen Varianten schwacher Argumentationen findet ihr hier in zwei Versionen auf deutsch und noch ausführlicher auf englisch) Doch ist diese Stratgie der Ausgrenzung wirklich sinnvoll?

Argument Variante 2: Die sind anders! Unsere Sichtweise ist die normale und daher einzig richtige!

Eine politische Kultur die auf Ausgrenzung beruht kann man jeglichen Populisten dieser Tage einfach nachweisen. Mr. Trump setzte stark auf die Dämonisierung von Ethnien und von ihm definierter politischer Feinde (Terroristen, Muslime, Einwanderer). Was war die Antwort der Gegenseite? Die Clinton Kampagne verwendete ihrerseits viele Ressourcen darauf die Person Trump zu diffamieren. Folglich wurden auch die Unterstützer des republikanischen Kandidaten als dumm und rassistisch verurteilt. Dahinter steckt die logisch falsche Annahme, dass der Unterstützer einiger Forderungen der politischen Figur alle Forderungen unterstützt, die Schuld durch Assoziation mit einer Gruppe. Es ist komfortabel für politische Kandidaten nach dem Prinzip der Eigengruppe und Fremdgruppe  zu verfahren (engl. In-Group Out-Group principle, weiterführender Artikel hier). In dieser Argumentationslogik wird die eigene Meinung immer als korrekt aufgefasst weil sie das Wir-Gefühl der Eigengruppe stärkt. Die Bekämpfung der Fremdgruppe, mit einer ihrer gegenteiligen und daher falschen Meinung, stärkt ebenfalls die Eigengruppe.

Die Dialektik bleibt in der These stecken. Eine Antithese konnte die demokratische Kandidatin nicht formulieren, da sie zu beschäftigt war Donald Trump mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Viele Wähler in Amerika und in der Welt bezeichneten deswegen beide Kandidaten als schlechte Alternativen. Hauptsächlich weil keine Seite wirkliche Alternativen vermitteln konnte.  Zurück bleibt ein Gefühl der Enttäuschung und müder Politikverdrossenheit.

Das Wort ‚Politikverdrossenheit‘ wurde 1992 zum Wort des Jahres -im Gegensatz zum Unwort des Jahres- von der Gesellschaft für deutsche Sprache gewählt. Zitat der Juroren: „Für die Auswahl der Wörter des Jahres entscheidend ist dabei nicht die Häufigkeit eines Ausdrucks, sondern vielmehr seine Signifikanz und Popularität: Die Liste trifft den sprachlichen Nerv des sich dem Ende neigenden Jahres und stellt auf ihre Weise einen Beitrag zur Zeitgeschichte dar.“ Das Wort trifft leider auch im Jahre 2016 den Zeitgeist alzu sehr. Einen solchen Eindruck auf die Stimmung zur Wahl bietet Stephen Colbert in seinem – augenscheinlich improvisierten – Monolog in der Wahlnacht vom 9.11.2016.

Politikverdrossenheit in Deutschland

An dieser Stelle möchte ich den deutschen Bürger fragen, als wie effizient du die Argumente gegen die AFD und ihre Wählerschaft seit ihrer Gründung 2013 einstufst? Die ehrliche Antwort ist ziemlich ernüchternd, oder? Denn die argumentative Opposition gegen die politische Bewegung rechts von der CDU/CSU basiert auf denselben Mechanismen wie die Strategie Clintons gegen Trump. Es wurde eine Fremdgruppe definiert. Dies schließt die Integration in das politische Establishment aus und stärkt zugleich die Eigengruppe der AFD Partei und ihrer Anhänger. Sogar die Inhalte der Argumente sind vergleichbar: Die AFD und ihre Wähler sind dumm und rassistisch . Fertig. Aus. Keine Möglichkeit für den politischen Diskurs. (Eine Auflistung journalistischer Beiträge, die diese Behauptungen aufstellen, möchte ich gar nicht erst beginnen, da sie sowieso nur einen Bruchteil der Gegenbewegung zur AFD darstellen würde. Ich denke ihr kennt diese Form der Artikel und brauchen hier keine Auffrischung)

Und das ist schade um die politische Kultur bis bedenklich im Hinblick auf die Bundestagswahl 2017. (Eigentlich wollte ich hier ‚gefährlich‘ schreiben. Doch die Stigmatisierung in diesem Wort liegt derselben Dialektik zugrunden, welche ich versuche zu kritisieren. ‚Bedenklich‘ erschien diplomatischer, drückt aber natürlich immer noch eine Wertung aus.) Unsere politische Diskussion ist ebenfalls gefangen in einer fortschreitenden Differenzierung von Lagern. Der gegenwärtige Journalismus befeuert den Populismus. In sozialen Medien wird dieser Kampf fortgeführt. Der Versuch Gemeinsamkeiten zu finden und darauf aufbauen konstruktiv zu werden rückt in weite Ferne. Doch genau das muss probiert werden, wenn eine lösungsorientierte Politik die nächsten Jahre bestimmen soll.

Die konstruktive Antithese

Wie können schlecht argumentierte politische Einstellungen noch begegnet werden? Zuerst ein Tipp zum Kontext: Generell ist es leichter in einem persönlichen Gespräch Überzeugungen zu vermitteln. Eine Twitter Diskussion verfällt durch ihr kurzes Format leider zu oft in Parolen und Anfeindungen. Von Auge zu Auge lassen wir uns als emphatische Wesen eher auf die Gegenseite ein. Der einfachste Tipp um ein Gespräch mit der (ideologischen) Gegenseite anzufangen ist dieser: Suche die Gemeinsamkeiten! Der Fokus liegt oftmals auf den krassen Gegensätzen. Doch gerade eine politische Diskussion muss nicht in einem schwarz-weißen Denkschema geführt werden. Politik erdet in einem sozialen Gefüge. Das gesellschaftliche Zusammenleben ist stets geprägt von individuellen Handlungen. Aus unseren individuellen Vorstellungen und Taten ergibt sich eine unvorstellbar große Kombinationsmöglichkeit an Begegnungen zwischen Personen, die vielleicht denken sie würden nicht zusammenpassen, solange bis sie manchmal nur eine Gemeinsamkeit entdecken. Beispiel: Der Fan der einen Sportmannschaft und der Fan des anderen Teams lieben beide die Sportart und sind Eltern. Die respektvolle Feindschaft während dem Spiel kann gepflegt werden und danach können sich beide Fans voneinander erfahren und darüber reden wie sie ihren Kindern den Sport näherbringen möchten. (Einen interessanten Artikel dazu und weiteren Möglichkeiten findet ihr hier)

Und wie funktioniert das ganze online? Zunächst bei uns selber. Erweitere deine Filter Bubble! Ja es schmerzt die unfairen Argumente der Gegenseite auf die eigenen Überzeugungen aufprallen zu sehen. Doch liest man über die Sticheleien hinweg, wächst auch oftmals das Verständnis für die angewandte Argumentation. Es werden bei der Fremdgruppe andere Prioritäten gesetzt und diese zu verstehen ist der erste Schritt daraus wieder Gemeinsamkeiten abzuleiten. Und schließlich bleibt ein logisch inkosequentes Argument genau das: Wertlos für einen konstruktiven Diskurs. Können wir diese schwachen Argumente identifizieren, ersparen wir uns viel emotionalen Stress, der in der schnelllebigen Medienzeit doch manchmal unberechtigterweise Überhand nimmt.

Wäre ein zukünftiges Wort des Jahres nicht schön, das den Zeitgeist einfängt und Politik mit etwas positiven verbindet? Ich kann an keines denken, welches das Gegenteil von Politikverdrossenheit beschreibt, aber wenn es soweit ist, werden wir eins gefunden haben.

PS: Inspiriert wurde dieser Beitrag durch einen weiteren Perspective Daily Artikel