Horse-Race-Journalismus und eine kommende Bundestagswahl

Politainment! Der Versuch Politik und Politiker zu interessanten Persönlichkeiten zu stilisieren und Konflikte zwischen den Personen aufzuzeigen. Zu einen der wichtigsten Instrumente der Politik-Unterhaltung gehören aktuelle Umfragen. Sie bieten Zahlen die im Modus eines sportlichen Wettstreits interpretiert werden können. Am spannendsten sind Kopf-an-Kopf Rennen zwischen zwei Kandidaten. Dadurch lassen sich leicht Charaktere gegenüberstellen und ableiten, welche Eigenschaften bei den Wählern gut ankommen und welche nicht. Denn sobald eine politische Handlung angekündigt oder durchgeführt wurde, erscheint auch schon ein Umfrage Ergebnis auf dem Bildschirm um den positiven oder (noch viel lieber) negativen Effekt auf die Umfragewerte zu visualisieren. In einem 9-minütigen Al-Jazeera Bericht aus dem Januar 2016 wurde auf die journalistische Ungenauigkeit und Irrelevanz von Umfragewerten während des US-Wahlkampfes hingewiesen.

Wie in dem Bericht aufgezeigt wird, wurden Nachrichten nach den aktuellen Umfragewerten priorisiert. Ein Kandidat wie Donald Trump, der hohe Werte genossen hat, bekam dadurch noch mehr Aufmerksamkeit. Schätzungen besagen, dass diese umfragebasierte Berichterstattung in Wahlkampfwerbung oder „Free-Press“ bereits im Februar 2016 einen Wert von ca. 2 Milliarden US-Dollar bezifferten  Die hohe Quote der Berichterstattung lag und liegt auch in Trumps Strategie Schlagzeilen zu provozieren. Auf den Trick durch provokante Aussagen Aufmerksamkeit zu erzielen fallen Medienkonzerne nur allzu gerne und absolut Bewusst herein. Denn was besitzt in der heutigen Zeit und im kommerziellen Journalismus seit jeher einen höheren Wert als Aufmerksamkeit?

Auch deutsche Politiker und Parteien nutzen kleine Skandale, persönliche Angriffe und polarisierende Aussagen um Relevanz im Nachrichtenzyklus zu erzeugen. Die AFD und CSU genießen dadurch bereits einen gesonderten Status in Fragen der Integrationspolitik. Diese Strategie soll in einem zukünftigen Beitrag näher erläutert werden. Nun interessiert zunächst, was Horse-Race-Journalismus bei der anstehenden Bundestagswahl bewirken könnte.

Die Bundestagswahl und ihre Zahlen

Sobald die Kanzlerkandidaten der traditionellen Volksparteien feststehen ist die Wahlkampfsaison eröffnet. Mit der Nominierung von Martin Schulz als SPD Kanzlerkandidat wurde eine Umfragewelle durch alle Nachrichtenkanäle gespült (siehe Titelbild-Collage). Es lohnt sich ab sofort ganz besonders beim Erscheinen der nächsten Umfrage einfach wegzuschauen, stummzuschalten oder ein neues Tab-Fenster zu öffnen. Denn die Werte sind 1. nicht korrekt, 2. nicht relevant (außer für Politiker und Medien) und 3. bieten Umfragen keine Grundlage für die Wähler eine tatsächliche Wahl zu treffen.

Zu Punkt eins war die US-Wahl 2016 ein deutliches Beispiel dafür, wie sehr Umfrageinstitute sich irren können. Repräsentative Umfragen werden immer schwieriger durchzuführen sein, da bestimmte Wählerstämme nicht bereit sind ihre Meinung öffentlich kund zu tun (Anders als anonym bis halbanonym im Internet). Das Phänomen der Schweigespirale wurde bereits in den 1970er Jahren durch die Medienwissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann formuliert. Ihre Theorie besagt, dass die Bereitschaft sich öffentlich zu bekennen für viele Menschen vom Meinungsklima abhängig gemacht wird. Dieses Klima war durch einen Medienkonsens gegen Trump gerichtet, hat aber dazu geführt einen Großteil der Wählerschaft aus den Diskurs zu nehmen, da die Umfragewerte dieses journalistisch fehlgeleitete Verhalten legitimiert hat.

Zweitens sollten sich Journalisten fragen welche Relevanz ein Umfragewert im Februar 2017 für eine Wahl im September besitzt. Oftmals dient es als Einleitung um über eine bestimmte Partei zu berichten (besonders gern die AFD). Dabei zeigt sich immer wieder, wie inhaltsleer der Kennwert der Sonntagsfrage ist. Natürlich wissen befragte Personen, dass ihre Antwort an ein Meinungsforschungsinstitut keine Auswirkungen hat. Allerdings kennen sie vielleicht die Macht der Umfragewerte und nennen dann eher eine reaktionäre Partei wie die AFD. Zudem begehen moderne Politiker gerne den Fehler sich zu sehr nach Umfragewerten zu richten. Die Bundeskanzlerin hat keine Standpunkte, steht aber in großer Abhängigkeit zum politischen Klima. Die plötzlich eingeleitete Energiewende war ein Beispiel dafür. Ihr letzter und erfolgreichster Wahlkampf 2013 beinhaltete keine politische Forderungen, sondern nur eine Imagekampagne. Die Gefahr besteht, dass Martin Schulz eine ähnliche Strategie verfolgen wird und aus Angst vor Umfragen auch keine inhaltlichen Prorammpunkte definieren möchte. Doch durch ein steigendes Misstrauen an die Medien und eine laute außerparlamentarische Opposition könnte diese Strategie für SPD und CDU fehlgeleitet sein. Ein inhaltlicher Wahlkampf ist nicht nur mein persönlicher Wunsch, sondern auch die korrekte Antwort auf populistische Lager die eine aggressive Wahlkampfstrategie durch Diffamierung der Gegner verfolgen werden.

Zum letzten Punkt sollte der Politik wie den Journalisten bewusst werden, dass die meisten politikinteressierten Menschen ihre Wahl bereits getroffen haben und nur durch gute Argumente, ihren persönliche Lebenswelt betreffend, angesprochen und umgestimmt werden können. Die andere große Menge an Unentschlossenen und potentiellen Nichtwählern wird nicht durch billige Wahlkampfrhetorik und Worthülsen überzeugt werden. Der Anteil der Nichtwähler betrug bei der Bundestagswahl 2013 28,5% . Sie werden für populistische Parteien wie die AFD empfänglicher sein, da diese den Protest gegen das Etablissement in Berlin versprechen. Diese sozialen Gruppen müssen durch den persönlichen Wahlkampf vor Ort und die konkrete Ansprache abgeholt werden. Ein Potential, dass besonders die SPD in den letzten Wahlkämpfen konsequent hat verstreichen lassen. Stattdessen wurde nach Sonntagsfrage Wahlkampf betrieben und alle Wählerschichten mit unklaren Vorstellungen an die Urne geschickt.

Wie wäre wohl ein Wahlkampf, der die zwangsgestörte Veröffentlichung von Umfragewerten auf ein repräsentatives Ergebnis pro Monat reduzieren würde? Worüber würden die Hauptstadt-Korrespondenten und bundesweiten Redaktionen alles berichten können? Es wäre schockierend wie viel Raum für tatsächlichen Inhalt dann geboten wäre. Bis dahin wünsche ich meinen Lesern viel Erfolg bei dem Zick-Zack Lauf um die Horse-Race-Berichterstattungen herum.

 

Ps.: Ein Podcast der sich gerne mit dem Phänomen Horse-Race und anderen Untugenden der täglichen TV-Nachrichtenwelt auseinandersetzt, ist der sehr unterhaltsame Aufwachen Podcast .

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